Tiefriet: Eine Pionierlage und ihre Herausforderungen
Das Industriegebiet Tiefriet hat enormes Entwicklungspotenzial. Das haben der Kanton St. Gallen und die Gemeinde Sargans bereits im Januar 2024 im Rahmen einer Machbarkeitsstudie belegt und am Bürgerabend 2024 betont. Darüber waren sich auch die rund 40 Unternehmer, Arbeitgeber und Liegenschaftsbesitzer einig, die am Mittwoch der Einladung zu einer Informationsveranstaltung ins Restaurant Perron gefolgt sind. «Das Potenzial ist nicht von der Hand zu weisen», fasste denn auch Lukas Bleher bei seiner Begrüssung zusammen.
Der Projektleiter Standortförderung des St. Galler Amts für Wirtschaft und Arbeit war es, der das Projekt Arealentwicklung Tiefriet von der Pike auf begleitet hat. Er war dabei, als eine Kerngruppe geschaffen und eine Vision entwickelt wurde. Er war auch dabei, als eine Absichtserklärung unterzeichnet und eine Machbarkeitsstudie verabschiedet wurde. Und er war dabei, als das Ingenieurunternehmen EBP Schweiz AG auf der Grundlage eines Gesamtverkehrskonzepts des Entwicklungsgebiets Pizol-Wartau eine Verkehrsstudie erarbeitet hat.
Drei Szenarien
Die Ergebnisse dieser Verkehrsstudie stellte EBP-Teamleiter Remo Baumberger am Mittwoch vor. Konkret ging er auf die Ausgangslage ein – auf die rund 700 Personen, die aktuell im Tiefriet arbeiten würden. Auf den Masterplan, der das Potenzial des Gebiets auf 2400 bis 3100 zusätzliche Arbeitsplätze beziffert. Und schliesslich auf die «sehr guten Voraussetzungen», die das Tiefriet aufweise, um die bei einer Weiterentwicklung zusätzlich entstehende Verkehrsnachfrage möglichst siedlungsverträglich abzuwickeln.
Baumberger erklärte die Aufgabenstellung der Studie. Man habe aufgrund von drei angenommenen Entwicklungsetappen verschiedene Varianten geprüft: Die kurzfristige Entwicklung bis 2030 (fünf Jahre), die mittelfristige Entwicklung bis 2040 (fünf bis 15 Jahre, keine neuen Einzonungen nötig) sowie die langfristige Entwicklung «2040+» (15 bis 20 Jahre, inklusive Einzonungen).
Kein Heilsbringer
Die Erkenntnisse der Studie: Würde die Entwicklung im Tiefriet so eintreffen wie angenommen oder gewünscht, würde das heutige Verkehrsnetz spätestens bei der Variante «2040+» die Nachfrage nicht mehr abwickeln können. Die beiden Knoten Rhein-/Rheinaustrasse sowie Ragazer-/Rheinaustrasse wären den zusätzlichen Fahrten nicht gewachsen. Auch die im Rahmen der Studie geprüfte Norderschliessung würde nicht genügend Entlastung bringen. Sie würde nur «zu einer Erhöhung der Leistungsfähigkeit im Norden» führen, kritisch bleibe aber der südliche Knoten Ragazer-/Rheinaustrasse. Baumberger fasste zusammen: «Die Norderschliessung ist nicht der Heilsbringer im Tiefriet.»
Diese forderte und fordert unter anderem der Sarganser Gemeinderat. Roland Wermelinger, Ressortleiter Verkehr, betonte am Rande der Veranstaltung denn auch, dass man zwar von den nun verfolgten Ideen überzeugt sei, das Tiefriet aber schon heute schlecht erschlossen sei und man sich frage, wie das Areal ohne solide Grunderschliessung weiterentwickelt werden könne. «Dazu braucht es irgendwann eine Nord- und Südumfahrung und man kommt aus Sicht des Gemeinderates nicht darum herum, diese zeitnah zu planen.» Diese Haltung habe der Rat denn auch in der Schlusswürdigung des Berichts protokolliert.
Im Vergleich zu anderen Entwicklungsstandorten im Kanton sprach Mitreferent Bleher aber dennoch von einer «Pionierlage». «Andernorts ist der Verkehr heute schon am Anschlag. Es können keine Unternehmen ansiedeln und es findet keine Entwicklung statt. Das haben wir hier in Sargans nicht.»
Umdenken auf allen Ebenen
Einziges Instrument, das seitens des Kantons effizient zur Entlastung der beiden Verkehrsknotenpunkte führen könne, ist ein Umdenken in der Verkehrsnutzung. «Modal-Shift» nennt sich die gezielte Führung weg vom motorisierten Individualverkehr (MIV) und hin zur Nutzung von ÖV oder Fahrrad. Entsprechende Anreize sollen die Unternehmen im Tiefriet etwa mit Ermässigungen für ihre Mitarbeitenden bei der Nutzung der ÖV oder der Beschränkung von Parkplätzen und der Erhebung von Parkgebühren schaffen. Mit einem deutlichen Modal-Shift könne die zusätzliche Verkehrsnachfrage im langfristigen Horizont «2040+» von den umliegenden Strassenknoten verarbeitet werden.
Für die bereits angesiedelten Unternehmen gelte allerdings eine Bestandesgarantie. «Will heissen, Sie werden jetzt nicht alle gezwungen, aufs Velo umzusatteln», antwortete Roland Pfiffner, Leiter Tiefbau der Gemeinde Sargans, auf eine Frage aus dem Plenum. Viel frischen Wind und Energie brachte Marc Stoffels Referat. Sein Unternehmen 42hacks ist unter anderem auf ebendiese Modal-Shifts spezialisiert. So habe es in den vergangenen fünf Jahre hunderte Mitarbeitende von namhaften Unternehmen dazu gebracht, umzusatteln. Und mehr noch: Zusammen mit Kanton und Gemeinden wurden in kürzester Zeit Busangebote geschaffen, die es ermöglichten, dass Arbeitnehmer im grossen Stil auf den öV umstiegen. Stoffel berichtete über die Verfahrensweise seines Unternehmens und über den regen Austausch zwischen ihm, der Politik und den Verantwortlichen des öffentlichen Verkehrs. Das Angebot steht, dass Stoffels Enthusiasmus auch das Tiefriet erfasst. Es wird sich zeigen, ob die Grundeigentümer sich auf den offerierten Prozess einlassen.
Mehr Dialog
Zum Austausch soll es in Zukunft auch im Tiefriet häufiger kommen. Dafür soll ein Gebietsmanagement sorgen, das in den nächsten Wochen aufgezogen wird. Konkret werden die Kommunikation fokussiert und Aktivitäten wie SNP-Prozesse koordiniert. Lukas Bleher stellte denn auch jenen Mann kurz vor, der für die Realisierung dieses Gebietsmanagements verantwortlich zeichnen soll: Guido Fischer, alt Gemeindepräsident von Mels. Dieser nutzte die Möglichkeit, um für das entgegengebrachte Vertrauen zu danken. «Es freut mich, wenn ich unterstützen kann», erklärte er.
Das letzte Wort blieb dem Sarganser Gemeindepräsidenten Stefan Kohler. «Wir stehen nun vor diesen Herausforderungen», fasste Kohler zusammen. «Wir müssen sie annehmen. Und wir werden sie annehmen.»